Im zweiten Teil des Überblicks über die Mittelmeerinsel Sardinien berichten wir darüber, wie wir die Bevölkerung, ihre Tradition und Kultur, sowie die Kulinarik erlebten.

Wer den ersten Teil unseres Sardinien-Berichts gelesen hat, kann vielleicht die Begeisterung nachvollziehen, die uns für diese Insel gepackt hat. Aber natürlich gibt es auch dort, wie überall, Schattenseiten. Abseits der Tourismus-Orte blättert die Idylle der Hochglanz-Prospekte merklich ab. Obwohl auf Sardinien der Ausbau der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen sehr weit fortgeschritten ist, konnten wir oft nur ein mangelndes Umweltbewusstsein feststellen. An den Anblick von Müll an den Straßenrändern und auf Parkplätzen konnten wir uns bis zum Schluss nicht gewöhnen. Wir sind uns aber nicht ganz sicher, ob der Umgang mit Müll bei uns wirklich besser ist, oder ob die Reinigung und Entsorgung in Österreich einfach besser funktioniert.

Die Bevölkerung

Wir hatten das Glück, Sardinien nicht als Urlauber kennenlernen zu dürfen, sondern wir lebten dort in engem Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung. So konnten wir die Sarden als fröhliche, aufgeschlossene und hilfsbereite Menschen kennenlernen. Sie sind stolz auf sich, ihre Kultur und Traditionen, wohlgemerkt die sardischen nicht die italienischen, obwohl diese sehr viele italienische Eigenschaften enthalten. Im Supermarkt kann es schon passieren, dass der Verkäufer erklärt, dass der Pfirsich nur ein italienischer, kein sardischer ist. Regionalbewusstsein ist also vorhanden.

Die vorherrschende Sprache ist natürlich das Italienische. Trotzdem spricht ein Großteil der Sarden zusätzlich das Sardische. Dies ist zwar ebenfalls eine romanische Sprache, dennoch eine komplett eigenständige, die sich, wie jede andere Sprache, verändert und gerade von den jungen Leuten oft mit italienischen Elementen modifiziert wird. In Alghero gibt es auch Katalanisch, was aber von den jungen Leuten kaum noch gesprochen wird. Da auf Sardinien entweder italienisch oder sardisch gesprochen wird, konnte sich kein ausgeprägter italienischer Dialekt entwickeln. So wurde es uns zumindest erklärt. Dadurch konnten wir die Leute hier relativ gut verstehen. In anderen Landesteilen Italiens haben wir diesbezüglich mehr Probleme. So ist ein Venezianer, der seinen Dialekt gebraucht, für uns, aber auch für Italiener aus anderen Landesteilen, kaum verständlich.

Die Tradition

Wie bereits erwähnt, lieben und leben die Sarden ihre Tradition. Diese ist sehr vom Katholizismus geprägt. Wir konnten uns davon überzeugen, als wir Ferragosto mitfeierten.

Sardinien - Ploaghe - Projektion Ferragosto

Am 15. August (bei uns Mariä Himmelfahrt) ist ganz Italien auf den Beinen und feiert fast rund um die Uhr. Es herrscht beinahe so etwas wie Ausnahmezustand. Die Vorbereitungen dafür konnten wir bereits Tage vorher beobachten. Straßen und Plätze werden geschmückt, in vielen Kirchen ist eine lebensgroße Statue der toten Maria (meist in hellblau gehalten) aufgebahrt.

Sardinien - Ploaghe - Umzug der Maria

Besonders im Nordwesten Sardiniens hat sich der Brauch der Candelieri erhalten. Dabei werden ca. drei Meter hohe und reichlich geschmückte Holzkerzen von mehreren Trägern in einer Prozession durch die Stadt getragen und in speziell choreografierten Tänzen den Besuchern präsentiert.

Sardinien - Sassari - CandelieriSardinien - Ploaghe - CandelieriSardinien - Ploaghe - Verbeugung der Candelieri

Die Einheimischen nutzten die Gelegenheit, die sehr bunten, traditionellen Trachten zur Schau zu tragen. Viele Stoffschichten und die übertriebene Ausprägung der Gesäßpartie sorgen dafür, dass die wahren Körperrundungen der Trägerinnen vor verbotenen Blicken verborgen bleiben. Wir bewunderten die Frauen bei den herrschenden sommerlichen Temperaturen in den mit Stoff nicht gerade sparsamen Gewändern.

Sardinien - Drei Frauen in TrachtSardinien - Tracht von hintenSardinien - Kopftuch der Tracht

Die Kultur

Ca. 3.000 Jahre alte Nuraghen (Türme aus großen Steinblöcken) oder ca. 5.000 Jahre alte Gräberfelder sind überall auf der Insel zu finden und legen Zeugnis davon ab, dass dort bereits sehr früh eine hoch entwickelte Kultur vorhanden war.

Sardinien - Nuraghe Santa Cristina

Wir Archäologie-Begeisterten befanden uns somit in einem Paradies. Es gab viel zu entdecken – besonders viele Löcher zu erkunden.

Sardinien - FelsengräberSardinien - Domus de JanasSardinien - Im Loch

Unser Vorteil war, dass wir durch die im Lauf unseres Aufenthalts geschlossenen Freundschaften zu vielen Stätten geführt wurden, die kaum in den offiziellen Touristenführern Erwähnung finden. So konnten wir ganz alleine und sehr ursprünglich die Magie dieser Plätze einfangen. Irgendwie hatten wir das Gefühl, auf Sardinien eine Zusammenfassung der Menschheitsgeschichte vorzufinden – vielleicht nicht so groß wie bei den allgemein bekannten Hochkulturen, aber nicht minder beeindruckend – und das Ganze kaum beachtet von den meisten Touristen.

Die Kulinarik

Naturgemäß ist das Kulinarische auf Sardinien sehr mediterran, eigentlich typisch italienisch mit einigen wenigen spanischen oder französischen Einflüssen. Fisch und Meeresfrüchte sind besonders an den Küsten sehr beliebt.

Sardinien - Muschelgericht

Nicht fehlen darf natürlich Pizza. Die Sarden sind davon überzeugt, die bessere Pizza herstellen zu können als die Neapolitaner. Wir müssen zugeben, dass wir kein Argument dagegen finden konnten. Es gibt sogar eine eigene Weizenart, auf die die Sarden stolz sind. Offensichtlich ist dort, wo wir waren, eine gewisse Liebe zu Pommes frites ausgeprägt. Im Unterschied zur bekannten Massenware sind diese handgeschnitten und erschienen uns von höherer Qualität, trotzdem fanden wir das Angebot von Pizza mit Pommes doch mehr als gewöhnungsbedürftig und verweigerten zumindest diese Kombination.

Bei den Getränken wird ebenfalls auf Qualität viel Wert gelegt. Rotweintrinker greifen gern zum kräftigen Cannonau. Sehr beliebt oder besser gesagt ein „must have“ ist der Mirto, ein hochprozentiger Likör aus Myrte. Besonders interessant ist der Gegensatz des herben Duftes eines Kräuterlikörs zu dem süßen Geschmack eines Dessert-Getränks.

Sardinien - Mirto

Weit verbreitet auf der Insel ist Schafskäse in allen nur erdenklichen Ausprägungen. Zur Jause wird er meist gegessen mit dem Pane carasau, einem hauchdünnen, trockenen Fladenbrot. Sollten Sardinien-Urlauber aber einen Formaggio marcio oder sardisch Casu marzu angeboten bekommen, ist Vorsicht angebracht. Dieser sehr würzig schmeckende Käse erhält seine cremige Konsistenz durch die Maden der Käsefliege, die in großer Menge im Käse leben und dort ihre Körperflüssigkeiten absondern. Die Tiere werden lebendig mitgegessen und sind angeblich sogar gegen die Magensäure resistent. Dass Touristen auf diesen „Spezialität“ stoßen, ist eher unwahrscheinlich, da der freie Verkauf aus hygienischen Gründen verboten ist. Es kann nämlich nicht sichergestellt werden, dass die Käsefliege vor der Eiablage unter hygienisch einwandfreien Bedingungen gelebt hat. So ist man von „guten Freunden“ abhängig, um in diesen „Genuss“ zu kommen. Wir hatten eine solche Gelegenheit, probierten eifrig, ohne aber zu wissen, worum es sich dabei handelt. Aus heutiger Sicht sind wir sehr froh bzw. stolz über diese Erfahrung, war doch der Geschmack einmalig und die Situation mit der anschließenden Aufklärung mehr als skurril. Einen neuen Versuch werden wir allerdings nicht mehr wagen.

Sardinien - Casu marzu

Erwähnenswert ist vielleicht noch das Angebot an glutenfreien Lebensmitteln. Selbst in dem kleinen Ort Ploaghe gab es ein kleines Geschäft, welches ausschließlich glutenfreie Lebensmittel anbot (aber Achtung, im August kann es schon einmal eine Woche geschlossen sein). Aber selbst im Supermarkt fanden wir Einiges,  es gab sogar das Pane carasau in glutenfreier Variante. Der glutenfreie Supermarkt in Sassari dürfte größer sein, allerdings haben wir ihn zu spät entdeckt. Wie auch sonst in Italien dürfte der Informationsstand über die Erfordernisse glutenfreier Ernährung in den Restaurants besser sein als bei uns, denn selbst bei Melone mit Prosciutto wurde in einer Pizzeria nachgefragt, ob dies auch glutenfrei sein sollte, da sie dann auf die Kontamination achten müssen.

Aus allen während des Aufenthalts genossenen Eindrücken blieb eine enge Bindung zu Land und Leuten, die uns noch heute, ein halbes Jahr danach, gefangen hält und uns sicher für eine sehr lange Zeit, vielleicht sogar für immer, nicht mehr loslassen wird.

Sardinien - Sonnenschirm am StrandSardinien - Bucht von Alghero

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