Stillgelegte Bahnstrecken sind für Eisenbahn-Fans immer mit etwas Wehmut verbunden. Umso erfreulicher ist es, wenn sie so nachgenutzt werden, dass ihr Bestand erhalten bleibt. Ein Beispiel dafür ist der nicht ganz 23 Kilometer lange Abschnitt der Burgenlandbahn zwischen Neckenmarkt-Horitschon und Oberpullendorf. Seit 1988 fährt dort kein Personenzug mehr, mit einer Fahrrad-Draisine lässt sich diese Strecke jedoch auf eine neue Art bewältigen.

Auch wir wollten uns dieses Erlebnis nicht entgehen lassen und machten uns an einem sonnigen Morgen auf nach Oberpullendorf. Der Tag dieses Ausflugs muss ein ungerader Kalendertag gewesen sein, denn an solchen wird die Strecke von Oberpullendorf nach Neckenmarkt-Horitschon befahren, während es an geraden Kalendertagen in die umgekehrte Richtung retour geht. Gegenverkehr ist somit ausgeschlossen – wäre auf der eingleisigen Strecke auch nicht vorteilhaft.

Am Bahnhof angekommen erwartete uns bereits eine lange Schlange an Fahrrad-Draisinen. Wir waren dort an einem Werktag Ende August, sodass bei weitem nicht alle Fahrzeuge benötigt wurden. An stärker frequentierten Tagen könnte möglicherweise eine vorherige Reservierung von Vorteil sein.

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Bevor wir uns auf die Strecke begeben konnten, galt es, die Regeln für die Benutzung zu studieren bzw. der entsprechenden Einschulung durch das Personal aufmerksam zu lauschen.

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Die Bedienung der Draisine ist relativ einfach. Die Standard-Draisine bietet Platz für vier Personen, zwei davon treten auf dem erhöhten Fahrrad-Sitz in die Pedale, während es sich die anderen beiden in der Mitte bequem machen und sie so die vorbeiziehende Landschaft genießen können.

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Es muss immer darauf geachtet werden, zu der Vordergruppe einen Mindestabstand von 30 Metern einzuhalten. Die Draisinen verfügen zwar über Bremsen, dennoch ist der Weg bis zum Stillstand des kleinen Gefährts überraschend hoch. Ebenso überrascht waren wir von den Fahreigenschaften. Erwartet hatten wir ein sanftes Dahingleiten über die Gleise. Tatsächlich ist die Reibung zwischen den Rädern so hoch, dass eine höhere Geschwindigkeit nur mit ein wenig Anstrengung verbunden ist. Besonders zu merken war das in Kurven bzw. bei der kleinsten Steigung. Die Einheitsübersetzung des Antriebs half da wenig, ist aber so eingestellt, dass die gesamte Strecke insgesamt gut zu bewältigen ist.

Für Abwechslung auf der Strecke sorgten die insgesamt über 30 Bahnübergänge. Als Schienenfahrzeug hatten wir zwar überall laut Straßenverkehrsordnung Vorrang, doch hätte uns dieser als Schwächere im Notfall nichts genützt. Deshalb gelten für die Übergänge besondere Regeln. Je nach Verkehrsaufkommen sind diese in drei Gruppen unterteilt. Kleinere Übergänge (meistens bei Feldwegen) werden kurz vorher angekündigt und sind danach bei freier Fahrt in Schrittgeschwindigkeit zu überfahren.

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Die nächste Kategorie ist mit Handschranken auf der Gleisseite gesichert. Damit war sichergestellt, dass wir vor dem Übergang anhielten. Bei freier Fahrt öffnete ein Mitglied unserer Gruppe den Schranken und unser Gefährt konnte passieren. Ob alt oder jung, alle wollten das zumindest einmal ausprobieren.

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Schließlich gab es noch zwei Bahnübergänge auf stark befahrenen Straßen, die elektronisch gesichert waren. Auf Knopfdruck hob sich die Schranke über dem Gleis und senkte sich gleichzeitig die Bahnschranke über der Straße.

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Wie bereits angedeutet, konnten wir die vom normalen Fahrrad-Fahren gewohnten Geschwindigkeiten nicht ganz erreichen. Zu hoch war der Rollwiderstand bzw. das Gewicht der Draisine mit den Insassen. Dadurch waren Pausen natürlich sehr willkommen. An fast jedem ehemaligen Bahnhof bzw. zusätzlichen Picknickplätzen besteht dazu die Möglichkeit. Wenn gewünscht, wird einfach angehalten, das Gefährt leicht angehoben, zur Seite gedreht und aus den Schienen geschoben. Die ca. 135 Kilogramm unserer Draisine war für uns zwei Erwachsene mit ein wenig Übung schließlich doch leicht zu bewältigen. Auf diese Art ist auch ein Überholen möglich, denn es gibt auch Draisinen mit mehr Antrieben, die naturgemäß schneller unterwegs sind.

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Neben dem idyllischen Rastplatz im Wald bieten sich auch die bewirtschafteten Bahnhöfe entlang der Strecke an. Besonders an der Bahnhofsbäckerei in Lackenbach mit den berühmten Eispalatschinken konnten wir nicht ohne Stopp vorbeifahren.

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Ansonsten genossen wir die gemütliche Fahrt durch das Mittelburgenland über Brücken, entlang von Wiesen und Feldern, durch Wälder, schnaufend bergauf nach kurz der Hälfte der Strecke und danach fröhlich rollend wieder bergab.

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Etwas erschöpft aber sehr zufrieden wegen der vielen Eindrücke kamen wir schließlich am Endbahnhof an. Dort stellte sich die Frage, wie wieder zum Ausgangspunkt gelangen. Da wir nur ein Auto zur Verfügung hatten und das Angebot an öffentlichem Verkehr eher bescheiden war, mussten wir den Taxidienst des Draisinentour-Anbieters in Anspruch nehmen. Dieser kostet extra und ist bereits vor Beginn der Draisinen-Fahrt zu buchen. Trotzdem mussten wir leider ungefähr eine halbe Stunde warten, bis uns der Bus zurückbrachte. So waren wir inklusive Pausen ca. fünf, allerdings sehr kurzweilige Stunden unterwegs. Das gesamte Abenteuer inklusive Shuttle-Bus und exklusive der Konsumation in den Bahnhöfen kostete uns 88 Euro. Für größere Draisinen und Fahrten an den Wochenenden gelten höhere Preise, die neben vielen weiteren Informationen auf der Homepage von „sonnenland draisinentour“ zu finden sind.

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Kartenausschnitt © OpenStreetMap und Mitwirkende, CC-BY-SA

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